Wer war Adam Ziege?

Im Mai 2013 schloss die Adam Ziege. Die Redaktion von CYNAL spricht  mit den veritablen Rookies der Kunstszene über Idealismus und Naivität einen Off-Raum zu organisieren, zu bespielen und wieder zu schließen…

 

Wie lange gibt es euren Off-Raum schon? 

Adam Ziege gibt es seit November 2007. Vormals war es für lange Jahre die Schneiderei ‘Edith Böhm’. Die Räumlichkeiten in demHaus von ca. 1895 lagen mehrere Jahre brach. Dann haben wir sie angemietet, 5 cm hohen Taubenmist, Dreck und Müll entsorgt, den Rollladen wieder fit gemacht, gestrichen und die Schaufenster geschrubbt. Das Ganze passierte mit viel Hilfe von Freunden.

 

Eine Reihe von Ausstellungen sind bei euch gelaufen. Welche war eure bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Das ist schwierig zu sagen. Die Besucher kamen natürlich auch wegen der Ausstellungen, aber nicht nur. Oft war es ein Treffpunkt für befreundete Künstler, die schnell zu einem immer wieder gern gesehenen Stammpublikum wurden. Dann kamen die Freundeskreise der Künstler hinzu. Es war immer unser Anreiz, durch eine Diversität der Ausstellungen ein breitesPublikum anzusprechen.Zahlreiche Ausstellungsformen sollten Platz finden in den sehr ursprünglichen, man kann sagen ‘gelebten’ oder ‘abgelebten’ Räumen. Oft entsprang die eigentliche Arbeit der Künstler der Inspiration durch den Raum. In den letzten Monaten ist der Besucherstrom enorm gewachsen und die Eröffnungen, die alle 2 Wochen neu stattfinden, sind sehr gut besucht.
Aber ach, wir reden hier schon von dem, wie es gewesen ist. Bis Ende April gibt es uns noch und wir haben noch interessante Ausstellungen zu bieten, wie zB. den Hamburger Fotografen Rüdiger Beckmann oder die hiesigen Andreas Müller und Anna Lange.

 

Eure Philosophie beziehungsweise Euer Konzept in einem Satz? 
Die anfängliche Idee war es, ein Sprungbrett für Newcomer zu sein, die ihre Erstausstellung realisieren und somit eine Art ‘institutionsfreie Frühförderung’, ein Sich ausprobieren genießen sollten. Diese Haltung wich irgendwann, sicher auch weil wir als MacherInnen selbstsicherer wurden im Umgang mit Ausstellungsplanung, Auswahl und dem Blick auf das junge Kunstgeschehen in Dresden aber auch überregional.

 

Was war Eure Motivation, einen solchen Off-Raum zu betreiben? 

Es gab (und gibt sie immer noch !) zu wenig Räume für unabhängige Kunst und Kultur in Dresden. Damals, 2007, sollte das schlummernde Interesse befreundete Künstler zu fördern endlich sichtbar werden. Wie wir uns bei dem Stemmen von Adam Ziege absichern wollten, lag sicher nicht an dem Wunsch, total professionell als Kunstbetreiber daherzukommen, vielmehr stand die Leidenschaft und das eigene Kunstinteresse im Vordergrund. Den Idealismus und die Naivität, die wir da auch mitbrachten, machte uns vielleicht zu veritablen Rookies der Kunstszene.

 

Nach welchen Kriterien wähltet Ihr die Künstler aus? 

Nach Vorurteilen ! Nein, Spaß beiseite.Die Auswahl war ursprünglich sehr subjektiv, also zu zeigen, was man selbst gut fand. Später kam das Kriterium hinzu, eine Ausgewogenheit zwischen Amateuren und Profis und den unterschiedlichen Kunstformen (Fotografie, Malerei, Installation, Skulptur etc.) zu erfassen. Letztlich war und ist es für uns immer ein Selbstversuch in Sachen publikumsfreundliche Auswahl.

 

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus eurem temporalen Ausstellungsraum: 

Wir hoffen, ihr habt nichts dagegen – hier lieber eine Fantasie umwobene Anekdote aus der Entstehungsgeschichte von Adam Ziege.

Adam Ziege, geboren als zweiter Sohn des Gemischtwarenhändlers und Lebemannes Joseph Ziege und seiner Frau Edith, geborene Böhm, von Beruf Schneiderin, wohnhaft in ärmlichen Verhältnissen in der Judengasse 12, heute Pulsnitzer Straße. Er weilte schon im Kindesalter am liebsten vor den Kunsthandwerksständen des Neustädter Marktes und hatte sichtlich ein Faible für exotische Schnitzereien aus dem fernöstlichen Raum. Früh versuchte er sich als Bäckerlehrling, aber wegen einer Mehlstauballergie musste er seine Karriere als Konditor und Zuckerbäcker aufgeben. Nach einer kurzen Zeit völliger Desillusion knüpfte er alsbald in den Bierstuben und dunklen Spelunken der äußeren Neustadt Kontakte zu freischaffenden Malern, Zeichnern, Theaterkünstlern und Barden. Angestiftet von Schaffenskraft und Tatendrang der modernen Künstler, mietete sich Adam Ziege in der Nähe das alten jüdischen Friedhofes in einem neu entstandenen Bürgerhaus, nebst einer alten Post, ein Atelier, um sich selbst der Kunst zu widmen, zu zeichnen und Romane zu schreiben. Leider sind seine Entwürfe und Manuskripte bei einem Prießnitz-Hochwasser gänzlich vernichtet worden. Trotz dieses Rückschlages hielt er an den Künsten fest. Später veröffentlichte er in seinem Atelier die Werke seiner Kameraden und Genossen. Später dehnte er sein Kreise aus und besuchte Künstler in ganz Europa. Adam Ziege ging, nachdem er seine ersten Reise nach Amerika antrat, wahrscheinlich am 16.1.1913 bei schwerer See im nördlichen Atlantik über Bord. Eine letzte Fotografie zeigt ihn an der Elbe.

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Aus seinem Reisetagebuch: „Kunst wird vom Betrachter erschaffen und wird jedes Mal beim Betrachten neu erschaffen, wird durch jedermanns Auge zum eigenen Gewahrsein. […] Kunst ist Anfang und Ende, ist das schon immer Dageweseneund immer Seiende. Kunst ist das ewig Überdauernde, die einzige Konstante im Menschen über Jahrtausende hinweg …“

 

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf? 

Das ist keine leichte Frage. Kant würde sinngemäß sagen: Die Freiheit des einen hört auf, wo die es anderen beginnt. Nun, einschneidend erfährt doch die Freiheit alternativ geprägter Kunstorte ihre Grenzen, wenn Bürokratie, Gentrifizierung und auch Förderung (mit seinen Bedingungen) ein Übermaß an Bedeutung bekommen.

 

Wie habt ihr euch finanziert? 

Wir haben Adam Ziege ausschließlich über Eigenleistungen halten können und lange einen großen Bogen um die institutionelle Förderungherum gemacht. Die Spenden über den großen Künstlerfreundeskreis waren und sind großartig. Ohne sie hätte der Ort nicht über 5 Jahre gehalten werden können. Das freut uns immer sehr, auf so viel kleine aber wahrhaftige Unterstützung zurückschauen zu dürfen. Das hat den Besuchern und Freunden auch immer das Gefühl gegeben, Kultur in der Neustadt auch aktiv mitzubestimmen.

 

Wie schätzt ihr die kommunale Kulturpolitik in der Beziehung ein? 

Schaut man sich das wahnsinnig schnelle Verschwinden anderer Off-Räume an, wie zB. das Friedrichstadt Zentral, Stauffenbergallee 11 oder andere, liegt es auf der Hand, welches Augenmerk die Stadt auf derlei Orte hat. Dresden hat ein gnadenloses Desinteresse, alternative, freie, unabhängige und nicht kommerzielle Kunstorte zu erhalten und zu bewahren, geschweige denn bewusstzu sehen. Zudem hat die Stadt kein Konzept und Bewusstsein, solch schnelllebige Orte, die flexibel und flink agieren, zu händeln. Wenn die Stadt Dresden ein positives Zeichen für alternative Kunst und Kultur setzen möchte, muss da mehr Weitblick in der Meinung über Stadtkultur her, das finge zB. bei gelockerten und flexibleren Projektfördermöglichkeiten an, beträfe aber auch ein konsequent anderes Denken in der Stadtteilentwicklung. Nur so können Nischen entstehen bzw. bleiben, in denen die kulturelle Vielfalt Dresdens ihrem Namen gerecht würde. Alles andere ist ziemlich dumpfer Hohn.

 

Was passiert nach der Schließung?

Plant ihr Aktionen oder habt ihr schon neue Räume gefunden? Wir lassen uns überraschen und halten die Augen offen nach einem neuen Ort. Das Netzwerk ist vorhanden!

 

Quelle: http://www.cynal.de/text/adam-ziege-.html